Trixi im Morgenland Folge 02: Trixis Gogyo-Ki (Teil 1)

Ein Gastbeitrag von Philipp Wohlwill (www.wortwohl.de

Trixi wachte auf, weil ihr eine der drei Morgenländer Sonnen ins Gesicht schien. Sie spürte die angenehme Wärme auf den Wangen. Im Morgenland ging früh morgens eine gelbe Sonne auf, am Vormittag erhob sich eine orange, und am frühen Nachmittag eine rote. Die drei Himmelslichter waren alle unterschiedlich lang zu sehen, sodass sie abends immer gemeinsam zur gleichen Zeit unter gingen. Dementsprechend hatte das Morgenland atemberaubende Sonnenuntergänge zu bieten.

Von ihrem Bett aus schaute Trixi durch das Fenster auf die Baumkrone des Kirschbaumes, der schon seit Generationen im Garten der Familie Lichtert stand. Trixi betrachtete die weiße Blütenpracht noch eine Weile. Der Baum wiegte sich leicht im Wind und ab und zu löste sich eines der weißen Blütenblätter und wurde davon getragen. „Wie ein Reisender“, dachte Trixi. Schon seit Jahren wollte sie einmal in einem Baum schlafen, hatte es aber immer noch nicht geschafft. Heute aber beschäftigten sie andere Dinge.

Sie drehte sich auf den Bauch, schob sich ihr Kissen unter die Arme und stützte das Kinn in die Hände. Auf dem Bauch liegend betrachtete sie die Pokale auf ihrem Regal und dachte an ihre Kindheit. An die Geländejagden und daran wie sie sich zum ersten mal in ein Walross verwandelt hatte. Sie dachte an die Nachmittage mit ihren Eltern auf dem Spielplatz, an ihren besten Freund Aram und an die Abenteuer, die sie gemeinsam erlebt hatten. Sie erinnerte sich an Kindergeburtstage voller Freude und Freundschaft und an unbeschwerte Ausflüge an den Abendsee. Ein komisches Gefühl, dachte sie. Bisher hatte sie sich immer als Kind wahrgenommen und war auch so behandelt worden. Mit dem heutigen Tag sollte sich das ändern.

Es war der Tag von Trixis Gogyo-Ki, das Ritual mit dem die Kinder im Morgenland zu Jugendlichen wurden. In diesem Ritual erhielten die Kinder, die im Morgenland lebten, vom Morgenland selber ihren zweiten Namen, von Diotima eine Aufgabe für ihr Leben und von beiden zusammen einen Passanten. Mit diesem Passanten wurden die Kinderzimmer der Initianden zu Reisezimmern. Ohne einen Passanten konnte man das Reisezimmer nicht benutzen. Er war sozusagen der Schlüssel, aber auch noch viel mehr.

Hatte man zu seiner Gogyo-Ki seinen persönlichen Passanten erhalten, musste man ihn erst entschlüsseln. Sagte man dann sein Codewort, wurde das Zimmer in einen Strom aus Zeit, Gefühlen, Raum, Temperatur, Zahlen, Bytes, Molekülen, Elektronen, Planeten, Masse, Energie und vielem anderen gezogen. In diesem Strom konnte man nicht nur an ungewöhnliche Orte, wie das Innere eines Computers oder das Gehirn eines Löwen reisen, sondern auch allerlei ungewöhnliche Bekanntschaften machen. Man konnte sich im Strom sogar mit Ideen unterhalten. Je mehr Menschen über eine Idee nachdachten, desto wahrscheinlicher wurde es, dass man eines Tages auf sie treffen würde. Man konnte dann richtig mit den Ideen reden und einige hatten auch eine Gestalt.
Trixi freute sich auf den neuen Abschnitt in ihrem Leben, aber er kam früher als gedacht und so war sie aus dem Gefühl das Kindseins noch nicht ganz heraus gewachsen. Das hatte ihr ihre Mama so erklärt, als Trixi ihr gebeichtet hatte, dass es ihr mit dem Erwachsenwerden jetzt doch etwas schnell ging. Trixi freute sich schon seit vielen Jahren auf diesen Tag, hatte dabei aber immer mehr an das Reisen gedacht und weniger an die Gogyo-Ki selber.

Der Gedanke, dass sie bald einen Passanten und ein Reisezimmer haben würde, machte sie aber immer noch ganz kribbelig vor Glück. Mit diesem tollen Gefühl im Bauch stand Trixi auf, zog sich an, putzte sich die Zähne und wusch sich. Sie hatte sich vorgenommen, das jetzt alleine und ohne die nervenden Ermahnungen ihrer Eltern zu machen. Sie wurde jetzt schließlich eine Jugendliche und das veränderte ja sehr viel. Sagten jedenfalls alle. Seitdem ihr Termin für die Gogyo-Ki fest stand, ging es eigentlich nur noch darum, was einmal sein würde. Die Gegenwart schien vollkommen ihre Bedeutung zu verlieren.

Trixi hüpfte die Treppe hinunter, nahm im Flur einen kurzen Anlauf und rutschte dann auf den Fliesen in die Küche. Dort saßen bereits ihre Eltern am Frühstückstisch. „Guten Morgen, du großes Mädchen“, begrüßten sie Trixi wie aus einem Mund. „Selber“, gab Trixi zurück und setzte sich gut gelaunt zu ihren Eltern an den Tisch. Trixi frühstückte für ihr Leben gerne. Heute gab es ein typisches Morgenländer Frühstück. Dazu deckte Mama einfach den Tisch. Man begann zu trinken und der Becher gab einem genau das, was der Körper gerade brauchte. Das Gleiche mit Teller und Gabel und Löffel. Man fing einfach an zu essen und sobald Besteck oder Geschirr zum ersten Mal den Mund berührten gab es, was der Körper am meisten benötigte. Das schmeckte nicht immer gleich gut, machte aber immer lange satt und nie müde.

„Wie war deine Nacht?“ fragte Mama. „Ganz normal.“ gab Trixi zurück und rollte etwas mit den Augen. Sie hatte in der letzten Nacht allerdings tatsächlich kaum geschlafen und sich zeitweise schon gefragt, ob es wirklich nur Vorfreude war, die sie wach hielt. „Heute ist der große Tag“, säuselte ihr Papa ins Ohr. „Heute, heute“ begann er zu singen und mit jedem Heute pikste er seine Tochter in die Seite oder in den Nacken oder irgendwo anders hin, wo sie kitzlig war. Trixi hatte sich fest vorgenommen Papas alberne Spielchen heute nicht mitzumachen und ihre Gogyo-Ki sehr ernst zu nehmen. Da sie aber doch zu gerne lachte, begann sie auch nun erst zu kichern und dann zu lachen. „Ist gut jetzt“, sagte sie mit fester Stimme, als sie sich wieder beruhigt hatte. Ihr war natürlich klar, dass Papa ihr zeigen wollte, dass sie nicht von einem Tag auf den anderen Erwachsen werden musste. Irgendwie erleichterte sie das auch, vor allem weil ihr Papa das beste Beispiel dafür war, das man sich einen Teil seiner kindlichen Unbeschwertheit für immer bewahren kann.

„Hast du ein bisschen Angst?“ fragte Torben Lichtert seine Tochter, die er über alles liebte und auf die er so stolz war, wie auf nichts anderes in seinem Leben. Mit ihrem schelmischen Grinsen und der Bemerkung „Wieso sollte ich Angst davor habe,n endlich meinen Passanten zu bekommen?“ überzeugte Trixi nicht nur ihre Eltern, sondern auch sich selbst, dass Angst für sie überhaupt kein Thema war. „Können wir dann jetzt auch los“, drängelte sie, Warten war nicht ihre größte Stärke. So langsam kam zum kribbeligen Glück auch ein bisschen nervöses Kribbeln hinzu. Trixi wusste, dagegen half nur die Dinge anzupacken.

Das Wetter war herrlich, und so machte sich Familie Lichtert zu Fuß auf den Weg zur Morgenhöhle. Die kommenden Stunden ihrer Gogyo-Ki beherrschten Trixi immer Stärker. Genau wie unzählige Kinder vor ihr, würde auch sie gleich ganz alleine die dunkle Morgenhöhle bis zum Morgenfelsen durchqueren. Sie wurde schweigsamer, je näher sie der Höhle des Morgenfelsens kamen. „Der Weg zur eigenen Gogyo-Ki“, dachte Trixi, „ist aber länger als der zum Übergangsritual eines anderen Kindes“. Sie war schon auf vielen der Morgenländer Initiationen zu Gast gewesen und hatte es jedes Mal als etwas Freudiges, Schönes empfunden und das war es ja auch. Im Moment fiel es Trixi trotzdem schwer, die gespannte Aufregung nicht in Angst umschlagen zu lassen. Sie nahm immer weniger von Ihrer Umgebung war und konzentrierte sich immer mehr auf die Aufgabe, die vor ihr lag. Das half.

Das Morgenland entschied selber, wann ein jeder Morgenländer zu seinem Übergang in die Jugend antreten durfte. Das war davon abhängig, welche Elementar-Konstellation Körper, Geist und Seele des Initianden hatten. Und das wiederum war von den fünf Elementen abhängig. Die fünf Elemente des Morgenlandes waren Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser. Von ihnen wurde das Dasein alles Lebendigen im Morgenland beeinflusst. Jedes der Elemente hatte bestimmte Eigenschaften. Bei allen jugendlichen Morgenländern nahm dabei der Einfluss des Elementes Erde ab, das vor allem für die Verbundenheit mit der Natur und die Grundversorgung des Menschen mit Essen und damit mit Energie stand. Kinder lernen erst ihren Körper und auch ihren Geist und ihre Seele mit dem Nötigsten zu versorgen, Essen in Energie zu wandeln.

Danach beginnt das Element Feuer stärker in den Kindern zu lodern und sie werden vom Morgenland zu ihrer Gogyo-Ki gerufen. Verbunden mit der hitzigen Energie von Liebe und Sinnlichkeit, die das Element Feuer mit sich bringt, erstarkt auch das Element Holz in den Kindern. Sie beginnen sich ein eigenes Leben zu bauen. Verbunden mit dem Rückgang des Elementes Wasser wird die kindliche Angst durch jugendliche Wut ersetzt, die so hilfreich wie zerstörerisch sein kann. Hand in Hand mit diesen seelischen und emotionalen Veränderungen geht die Pubertät, die entsprechend des jeweiligen Geschlechtes verschieden verläuft, aber auf den gleichen Veränderungen in der Elementar-Konstellation fußt, die auch im Ergebnis nur einen erwachsenen Menschen hervor bringt.

Das Geschlecht des betreffenden Morgenländers hatte damit kaum etwas zu tun. Das war bei den Normweltlern nicht anders, sie wussten es nur nicht und so werden kleine Menschen bei ihnen nicht einfach zu erwachsenen Menschen, sondern zu Männern und Frauen, das fand nicht nur Trixi etwas befremdlich. Das Morgenland war mit der Normwelt nur über ein sehr altes Reiseportal verbunden, das nur den Morgenländlern nicht aber den Normweltlern bekannt war und trotz Trixis ausgeprägter Neugier war ihr das auch ganz recht so. Sie wusste noch nicht wie viel sie in den nächsten Wochen und Monaten noch mit der Normwelt zu tun haben würde.

Als sie endlich am Ort des Geschehens angekommen waren, da war Trixi so auf ihre Initiation konzentriert, dass sie von den feierlichen Ansprachen und der festlichen Stimmung, die ihre Familie und ihre Freunde verbreiteten, kaum noch etwas wahrnahm.

Ihr Papa hielt eine Rede darüber, wie wahnsinnig stolz er auf seine kleine Abenteurerin war und wünschte ihr, dass sie schnell lerne mit der neuen Verantwortung für sich selbst, ihren Passanten und das Reisezimmer umzugehen. Dann sprach er darüber, was für ein tolles Kind Trixi immer gewesen war und als er seine Erinnerung an Trixis erste Schritte, erste Worte und erste Freunde mit den Anwesenden teilte, da begann er zu weinen. Trixis Mama weinte da schon lange. Trixi allerdings war nicht besonders gerührt, im Gegenteil, es war ihr ein bisschen peinlich so rührselige Eltern zu haben und insgeheim hoffte sie auch, dass ihr Papa bald aufhören würde zu reden, damit sie endlich starten konnte.

Ihr Papa aber musste unbedingt noch die Geschichte erzählen, wie Trixi sich zum ersten Mal in ihr Seelentier verwandelt hatte. „ … und womit unsere Trixi nicht gerechnet hatte, war, dass sich das Eichhörnchen vielleicht irgendwann dann doch in die Ecke gedrängt fühlt. Und was macht das kleine Mistding? Es stürzt sich auf unsere Tochter! Wir waren kurz wie versteinert. Trixi war bestimmt schon fünf Meter hoch im Baum. Ihr kennt sie ja“. Ein Raunen ging durch die Anwesenden. Trixis Freunde, die sich allesamt hier versammelt hatten, flüsterten leise und im Chor, mehr für sich selbst als für die anderen „Trixiness“ und zogen das S lang, wie wenn man jemanden auffordert leise zu sein. Das war Trixis Idee gewesen, weil das der Parole der Freundesgruppe etwas Geheimnisvolles verlieh. Trixiness allerdings hatte sie sich nicht selbst ausgedacht. Das hatte sich irgendwie entwickelt, niemand wusste genau wie, aber wahrscheinlich war es das Morgenland selbst gewesen, das sich diese Bezeichnung für Trixis Art die Dinge zu betrachten und einfache Lösungen für schwere Probleme zu finden, ausgedacht hatte.

Trixis Papa lächelte über die tolle Unterstützung von Trixis Freunden und fuhr fort „Naja, jedenfalls ist sie gefallen. Gott sei Dank hing der Ast, auf den sie das Eichhörnchen getrieben hatte bestimmt drei Meter weit über das Ufer des Abendsees hinaus. Sie ist also aus fünf Metern in Richtung Wasseroberfläche unterwegs und kreischt und zappelt wie eine Wilde und wir stehen wie versteinert am Strand und starren sie an. Plötzlich wird sie in der Luft ganz braun und das wilde Kreischen verwandelte sich noch während sie geflogen ist“, Papa lachte „in ein lautes Freudengeschrei und obwohl sie noch nicht schwimmen konnte, tauchte sie ins Wasser wie eine Profispringerin. Dann haben natürlich Mama und ich angefangen zu kreischen, aber noch bevor wir es ins Wasser geschafft hatten, sprang uns ein quietschfideles kleines Walross entgegen. Wir haben sie erst spät in der Nacht aus dem Wasser bekommen und in den folgenden Wochen hat sie sich manchmal sogar unter der Dusche in ein Walross verwandelt. Von Trixis Freunden kam wieder ein geflüstertes „Trixinessssss“. Papa war fertig mit seiner Rede und das Morgenland gab den Eingang zur Höhle des Morgenfelsens endlich frei, indem es einfach ein Loch in dem Berg entstehen ließ, in dem sich die Morgenhöhle befand.

Das Morgenland konnte sich selbst verändern und das tat es auch gerne. Es hatte sich schließlich auch selbst geschaffen. Es achtete, wenn ihm mal wieder danach war, ein neues Meer oder einen neuen Urwald entstehen zu lassen, jedoch penibel genau auf das Wohlergehen seiner Bewohner. Das Morgenland erlaubte sich außerdem von Zeit zu Zeit kleine Scherze mit ihnen, es war aber nie wirklich gemein oder wollte jemandem schaden. Es knipste zum Beispiel manchmal für eine Sekunde alle Lichter, die Sonne, den Mond und alle Sterne aus, sodass man die eigene Hand nicht mehr vor Augen sah. Das Morgenland war einfach schon immer da und deshalb war ihm irgendwann langweilig geworden und dann hatte es mit diesen Scherzen angefangen und später dann auch mit den Geländejagden, die die Kinder auf das Reisen in ihren Reisezimmern vorbereiten sollten. Seitdem ging es ihm besser.

Trixi stand auf und unter dem aufmunternden Beifall der Menschen, die ihr am wichtigsten waren, betrat sie die Höhle ohne zurück zu schauen. Erst als sie schon zehn Meter in der Höhle war, schaute sie über die Schulter. Der Eingang war schon nicht mehr zu sehen. Ein kleiner Schimmer Licht drang noch bis zu ihr durch. Vor ihr aber lag alles in schwarzer Dunkelheit.

Trixi tastete sich voran. Immer eine Hand an der Höhlenwand, die sie, geringelt wie ein Schneckenhaus, immer tiefer in das Innere des Berges in Richtung Morgenfelsen leitete. Die andere Hand hielt sie mit der Handinnenfläche nach vorne vor sich, wie ihre Mama es ihr empfohlen hatte. Sie ging weiter und weiter und nach einigen Minuten blieb sie stehen, sie hatte das Gefühl einen Luftzug gespürt zu haben. Sie merkte, dass sie versucht hatte sehr leise zu sein, dachte darüber nach, ob das wirklich nötig wäre und entschied im gleichen Moment, das nicht. Ein lautes „Halloo??“ erfüllte die Dunkelheit und ein beeindruckendes Echo schallte Trixi als Antwort entgegen.

Ihr wurde klar, dass sie sich inzwischen nicht mehr in einem kleinen Schneckengang, sondern in einer riesigen Halle befinden musste. Sie grinste, pustete sich eine ihrer roten Locken aus dem Gesicht, hielt die Hände wie einen Trichter vor den Mund und rief so laut sie konnte „Haaaallooooo Moooorgeeeenlaaand“. Außer dem Echo rührte sich nichts. Trixi wurde wie immer schnell mutiger, nahm die Hand von der Wand und ging in die Richtung, in der sie die Mitte der Höhle vermutete. Nach ungefähr zehn Metern erfasste sie ein kalter Luftzug von hinten, sie kreischte und kauerte sich zusammen.

Das Echo kreischte zurück. Sonst nichts. „Trixiness“ sagte sie leise zu sich selbst und dann baute sie sich auf und rief wieder aus voller Kehle, diesmal wie als Herausforderung für das Echo, sie zu übertreffen „Trixiineeeeeess“. Wieder passierte nichts. So langsam wurde Trixi etwas sauer und angestachelt von ihrer Wut ging sie mutig einige Schritte geradeaus bis sie, Pitsch, mit dem linken Fuß in etwas nassem stand. Instinktiv verwandelte sie sich in das Walross.

Vor allem in der Nähe von Wasser verwandelte sich Trixi gerne in das Walross, es konnte aber auch in anderen Situationen von Nutzen sein. Inzwischen war nämlich auch ihre Walrossform gewachsen und hatte Stoßzähne bekommen, die sich hervorragend eigneten um sich gegen aufdringliche Jungs und ähnliches Lumpenpack zu verteidigen. Außerdem war Trixi als Walross nicht nur extrem stark, sondern hatte auch eine dicke Fettschicht. Das polsterte nicht nur, wenn man fiel, sondern schützte auch gegen Wärme und Kälte. Jetzt aber verwandelte sich Trixi schnell zurück, denn als Walross war sie an Land viel zu langsam.
Sie trat einen Schritt zurück, stand nun vor der Wasserlinie und war etwas ratlos wie es weitergehen sollte. Sie fummelte ein Haargummi, das sie heimlich mitgenommen hatte, aus der Tasche und bändigte damit ihre rote Lockenpracht. Dann verschränkte sie die Arme vor der Brust, schaute genervt in die Dunkelheit der Höhle und fragte sich selbst „Und nu?“.

Da meinte sie direkt vor sich einen winzigen Punkt aus orangem Licht wahrzunehmen. Sie kniff die Augen zusammen und versuchte das kleine Pünktchen zu greifen, griff aber ins Leere. Das Pünktchen wurde ein wenig größer und Trixi merkte, dass es nicht winzig und direkt vor ihr war, sondern schon recht groß aber weit entfernt. Dann begann die Wasseroberfläche unter dem orangen Leuchten grün zu schimmern und während der Lichtpunkt immer größer wurde, wurde immer mehr der Höhle von ihm erleuchtet. Trixi war überwältigt von ihrer Größe. Sie schaute nach oben und drehte sich einmal im Kreis. Die Höhle war so riesig, dass der Berg in dem sie war, eigentlich fast nur aus Höhle bestehen konnte, dachte Trixi. Sie drehte sich immer weiter und inzwischen war die Höhle hell erleuchtet. Als Trixi sich einmal um die eigene Achse gedreht hatte, lag vor ihr ein See mit kristallklarem Wasser.

Dort wo durch Bewegungen im Wasser kleine Wellenberge entstanden, schimmerten die Kämme der Wellen in einem fantastisch satten Grün. Der See war voll mit Leben. Pflanzen, Steine, ein Sandboden und Korallenriffe boten den Tieren, die sich im See tummelten, eine bunte Lebenswelt. Trixi sah Fische in den verrücktesten Farben, blaue Seesterne und Seeschnecken mit Häusern, die in wechselnden Farben leuchteten, wie eine Stadt in der Normwelt bei Nacht. Trixi konnte dem unbändigen Drang sich in ein Walross zu verwandeln kaum noch wiederstehen. Sie wollte so gerne in diesem See schwimmen, dass sie fast vergessen hätte, weshalb sie eigentlich hier war. Der orange Punkt erinnerte sie daran, indem er mit rasender Geschwindigkeit auf sie zukam. Trixi erkannte, dass es sich um eine Blase handelte, die auf dem Wasser zu ihr herüber glitt. Je näher das Etwas kam, desto besser konnte Trixi seine Form erkennen.

Es sah aus wie ein Ei und es schimmerte orange. Außerdem konnte Trixi inzwischen erkennen, dass sich darin noch etwas grünes befand und wenn Trixi sich nicht sehr täuschte, dann bewegte sich das grüne Etwas in der orangen Blase. Das ganze Gebilde kam extrem schnell näher und dachte offensichtlich nicht daran langsamer zu werden. Trixi bekam es mit der Angst zu tun. Vor ihrem inneren Auge entstand ein Bild von ihr selbst, wie sie von einer Blitz schnellen orangen Blase platt gewalzt wird. Trixi hatte keine Zeit mehr zu überlegen, wollte einfach nicht weichen, den Test bestehen, sich beweisen. Also blieb sie trotzig stehen, wiederstand dem Drang sich in ein Walross zu verwandeln und machte sich bereit doch noch in der letzten Sekunde weg zu springen. Da änderte sich das Bild in Trixis Kopf schlagartig, nun zeigte es eine heldenhafte Trixi, die in letzter Sekunde der heranrauschenden Bedrohung mit einem beherzten Sprung entkommt. Wie als Reaktion auf Trixis veränderten Gemütszustand bremste das ganze Ding abrupt ab und blieb fünf Meter vom Ufer entfernt im See liegen.

Endlich wurde Trixi klar, dass sie gerade den Morgenfelsen anstarrte. Das grüne Etwas darin war jetzt deutlicher zu erkennen. Es ging auf Trixi zu. Eine unfassbar schöne junge Frau löste ihre Gestalt aus dem Ei. Sie nahm das orange Schimmern mit sich und dadurch wurde das Ei endgültig als der Morgenfelsen erkennbar. Dunkelgrau und durchzogen mit weißen Adern, lag er majestätisch auf dem See und strahlte unendliche Ruhe aus, eine lebendige Ruhe. Wie das Leben selber, das gerade mal eine Pause macht, erschien Trixi der Stein. Die Silhouette der Frau stand jetzt in voller Gestalt an der Kante des Morgenfelsens, war aber mit dem großen grauen Stein immer noch durch ein dünnes graues Band verbunden. Es ging von dem Felsen aus, teilte sich auf dem Weg und mündete in den Hacken der Frau.

Jetzt, da sie sich nicht mehr im Inneren des Felsens befand, strahlte sie auch nicht mehr in leuchtendem Grün. Als das orange Schimmern des Morgenfelsens auf sie übergegangen war, da hatte sie eine fast normale Hautfarbe angenommen. Aber eben nur fast, ihre Haut schien immer noch mit einem grauen Schleier überdeckt, wie aus einer Art flüssigem Stein.
Majestätisch machte sie einen letzten Schritt auf Trixi zu und holte bedeutsam Luft. Noch bevor sie jedoch anfangen konnte zu sprechen sagte Trixi schnell „Hallo Diotima“.

Diotimas Gesicht wurde fast ausdrucksleer. Nur ihre Augen verengten sich leicht und ihr Blick bohrte sich tief in Trixis Augen. Trixi hatte das Gefühl, Diotima sähe in ihr tiefstes Inneres und sie befürchtete, dass es dort vielleicht doch noch etwas Angst und Zweifel zu entdecken gab. Ohne jegliche Vorwarnung und wie aus heiterem Himmel machte Diotima plötzlich „Buuuuuuuuh“. Trixi erschrak sich dermaßen, dass sie rückwärts stolperte und mit dem Hintern auf dem Höhlenboden landete. Diotima lachte ein glockenklares Lachen, das so lange anhielt, dass erst das Echo und dann Trixi mitlachen mussten. Immer noch lachend rappelte sich Trixi auf. Sie wollte gerade auf Diotima zu gehen, da sagte die: „Stop“ und ihre Stimme verlor dabei das warme Mütterliche, das Trixi so gefiel und wurde stattdessen herrisch und kompromisslos.

Das Mütterliche kam aber sofort zurück als Diotima erneut begann zu sprechen. „Ganz schön Schiss gehabt grade was?“ frotzelte sie. „Du hast mich halt erschreckt.“ antwortete Trixi trotzig. Sie fand es etwas gemein, dass die ihr überlegene Erwachsene sich jetzt auch noch über sie lustig machte. „Das meine ich natürlich nicht“, stellte die junge Schönheit richtig. „Ich meine die richtige Angst, die du hattest, als ich auf dich zugerast kam, ich meine die Angst, die du mit aller Macht nieder gekämpft hast, um deine Stärke zu beweisen.“ Trixi wurde rot. „Hattest du direkt bevor ich dich erschrocken habe Angst?“ fragte sie „Nicht so richtig,“ überlegte Trixie. „ Erkläre das,“ verlangte Diotima. „Naja, alles ging so schnell, ich habe mich halt erschrocken, ich hatte aber gar keine Zeit Angst zu haben.“ Diotima strahlte: „Genau, du hattest dazu keine Zeit. Hattest du auf dem Weg hierher Angst?“ fragte sie weiter. Trixi behagte das Gespräch nicht besonders, sie fühlte sich bei der hübschen jungen Frau trotzdem sehr gut aufgehoben und verstanden, sie strahlte Geborgenheit aus. „Ein bisschen Angst hatte ich schon,“ gab Trixi deshalb zu.

„Warum?“ fragte Diotima. Trixi überlegte „Weil ich vor der Gogyo-Ki Angst hatte.“ „Wovor genau?“ bohrte Diotima weiter, die natürlich sah, dass Trixi das Thema unangenehm war. „Es nicht zu schaffen,“ murmelte Trixi und schaute dabei auf ihre Fußspitzen „Wie bitte?“ hakte Diotima nach. „Es nicht zu schaffen!“ blaffte Trixi. „Genau,“ sagte Diotima. „Du hast an etwas gedacht und hast dir vorgestellt wie es schief geht und da hast du Angst bekommen, oder?“ „Ja schon,“ antwortete Trixi. „Stell dir einfach vor, es geht gut.“ sagte Diotima. „Das geht aber nicht immer.“ sagte Trixi. „Genauso wie vorhin als ich auf dich zu gedonnert bin, oder?“. „Genau,“ stimmte Trixi zu. „Und gebremst habe ich als du nicht mehr daran gedacht hast, platt gewalzt zu werden, oder?“ Trixi nickte. Diotima erklärte „Dann weißt du jetzt wie Angst funktioniert, sie entsteht nur in der Zukunft, sie entsteht nur dadurch, dass du dir in der Zukunft etwas schlimmes vorstellst. Als du dir dein Bein gebrochen hattest, da hattest du Schmerzen, aber keine Angst.“ „Doch klar hatte ich auch Angst,“ unterbrach Trixi, sie mochte es überhaupt nicht, wenn Erwachsene ihr erzählen wollten, wie sie sich fühlte oder wie sie zu fühlen hatte. „ Ja, aber nicht davor dir ein Bein zu brechen,“ gab Diotima zurück. „Davor, dass du dein Lieblingssport nicht mehr machen kannst, vor einer Operation, davor dass du die Klassenreise verpasst. Das waren alles Dinge, die in der Zukunft lagen und die du dir nur vorgestellt hast“. „Und wenn die Angst aber doch nicht weg geht?“ fragte Trixi. „Wie eben“. „Dann beschützt sie dich vielleicht davor von einer orangen Blase platt gewalzt zu werden.“ lachte Diotima. „Angst wird immer dazu gehören, du brauchst sie um zu überleben, sie beschützt dich. Sie darf aber nicht zu dem schlimmen Ereignis selbst werden. Wenn du dich vor der Angst fürchtest, dann fängst du an gegen sie zu kämpfen, stellst dir immer mehr schlimme Sachen vor und so wird die Angst nur größer“. „Warum ist das so wichtig?“ wollte Trixie wissen und ging ein paar Schritte auf den Morgenfelsen zu. „Weil es jetzt immer mehr um deine Zukunft gehen wird und das macht vielen Menschen Angst. Du sollst einen Beruf auswählen, du sollst reisen und du veränderst dich ja auch selber.“ „Als ob du mich kennen würdest,“ gab Trixi zurück. „Ich verändere mich überhaupt nicht. Ich bleibe die Gleiche.“ „Trixiness,“ sagte Diotima lächelnd, „genau“, fand Trixi. „Alles verändert sich, auch du und deine Welt mit dir.“ „Nein,“ behaarte Trixi auf ihrer Meinung „Aha“ zweifelte Diotima, setzte sich auf den Felsen und lies die Beine im See baumeln.

Trixi machte sich auf den Weg zu ihr und diesmal wurde sie nicht von ihr gestoppt. Das Wasser fühlte sich herrlich an. Es hatte genau die richtige Temperatur und es roch ein klein wenig wie am Meer. Trixi erklomm den Morgenfelsen und setzte sich neben Diotima. Kurz saßen die beiden schweigend nebeneinander, dann sagte Diotima: „Ich weiß, dass es manchmal schwierig ist sich zu verändern, aber Trixi, du bist mittendrin, du wirst jetzt reisen und wenn ich dich so anschaue, dann sehe ich, dass sich nicht nur dein Leben verändert, sondern auch dein Körper. Du bekommst Brüste, Mädchen. Das wird dir wohl aufgefallen sein.“ Trixi schwieg. „Tut weh?“ hakte Diotima nach. Statt einer Antwort kullerte Trixi eine Träne aus den Augen. Diotima legte den Arm um sie und küsste sie auf die Schläfe. Einen Moment lang saßen sie so.

Trixi war es, die das Schweigen brach indem sie fragte: „Du bist doch auch bei den Jungs die Leiterin des Rituals oder?“. „Ja.“ bestätigte Diotima. „Ist das nicht gemein?“ fragte Trixi „Ich meine weil du ja über Jungs nicht so viel weißt wie über Mädchen und weil du ja selber eines bist.“ Diotima lächelte während sie antwortete: „Weißt du Trixi, das habe ich auch schon gedacht und ich habe mich dazu auch mit dem Morgenland beraten, aber das ist ja weder Mädchen noch Junge und hatte deshalb dazu keine Meinung. Ich kann dir auf jeden Fall so viel sagen: Es war noch nie ein Junge enttäuscht mich hier zu sehen und für die Meisten war es ein tolles Erlebnis. Jeder bekommt von mir seine Aufgabe, jeder bekommt vom Felsen seinen Passanten, jeder bekommt vom Morgenland seinen zweiten Namen. Außerdem ist jeder einzelne Morgenländer der hier zum Jugendlichen wurde, anders gewesen. Es gab laute Mädchen und stille Jungs, große Jungs und kleine Mädchen, einige hatten viel Angst, andere wenig. Einige Jungs hatten die gleichen Fragen wie die meisten Mädchen und viele Mädchen, mit denen ich spreche, fragen mich nach Jungs, so wie du.“ „Hab ich überhaupt nicht,“ beschwerte sich Trixi. Sie hatte das Gefühl, die Worte würden ihr im Mund umgedreht, bei Diotima hörte sich das an, als ob sie sich für Jungs interessiere, als ob sie sie irgendwie toll fände. Das hatte sie aber nicht sagen wollen. Sie versuchte das Diotima zu erklären, aber anstatt sich zu entschuldigen wurde Diotimas Lächeln immer breiter und als Trixi schließlich mit den Worten endete „Jungs sind nicht sowas Besonderes wie die immer denken,“ da erklang wieder das klare Lachen der Schönheit, diesmal war Trixi aber nicht zum mitlachen zu mute.

Sie stand auf und wollte sich den Morgenfelsen genauer anschauen, doch wieder wurde ihr durch das herrische „Stopp“ Einhalt geboten. „Ab ans Ufer,“ befahl Diotima. „Normalerweise dürfen die Initianden hier überhaupt nicht hoch“. Erstaunt und stolz schaute Trixi zu Diotima hinauf, die wieder aufgestanden war. Dann lächelte Trixi breit und sagte: „Tja, ich bin halt was Besonderes“ und hüpfte vom Felsen ins Wasser. Trixi gab sich Mühe und schaffte es tatsächlich, so zu platschen, dass das Wasser bis zu Diotima spritzte. „Die kann ruhig mal etwas von ihrem hohen Ross runter kommen,“ dachte Trixi. Sie mochte Diotima, fand sie aber ein klein bisschen eingebildet.

Nun standen sich die beiden wieder gegenüber. Trixi unten am Ufer des Sees und Diotima oben auf dem Felsen, im Rücken den mächtigen Morgenfelsen. Die schöne Frau konzentrierte sich offensichtlich, sie schien durch das Morgenland hindurch in eine Welt zu blicken, die außer ihr niemand sehen konnte und sprach in einer Engelsgleichen und gleichsam kraftvollen Stimme, die die gesamte Höhle erfüllte. Während sie sprach senkte sie den Kopf und fokussierte ihren Blick ganz auf Trixi. Trixi war bereit für alles, hochkonzentriert und sehr gespannt. Sie sog jedes Wort auf, wie ein verdurstender das Wasser. Diotima sprach:

„Schaffe Leben aus dem Stein, du sollst meine Blüte sein.
Wasche mich von Schleier rein, meine Seele zu befreien.“

Creative Commons Lizenzvertrag
Trixi im Morgenland von Integralis e.V. ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz

Date Title Duration
21. Mai 2019 10:51 Alte und neue Wunden
0:37:44
6. März 2019 11:06 Verlockungen der Normwelt
0:55:41
28. Januar 2019 12:17 Das Turiseder Artefakt
0:42:47
19. Januar 2019 17:40 Reisen
0:36:58
29. November 2018 17:21 Trixis Gogyo-Ki (Teil 2)
0:35:13
1. November 2018 17:16 Trixis Gogyo-Ki (Teil 1)
0:33:43
31. August 2018 16:54 Trixi findet ihr Seelentier
0:20:58
1. August 2018 10:57 Kurzgeschichte: "Trixi sucht die Freiheit"
0:35:54

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