Alleinsein: Die Seele nach Hause holen

Kommentar von Linda Lorenz

Es ist wie durch einen zähen Kaugummi zu laufen, sich darin zu verfangen und nicht so recht zu wissen, wann diese Zähigkeit aufhört und wie man da wieder rauskommt. Wenn die Seele einsam ist, helfen auch keine Netflix-Serien mehr. Dann ist es an der Zeit, sich dem Bewusstsein zu widmen. Denn mit einer kleinen Verschiebung der Sichtweise, kann Einsamkeit zum Alleinsein werden und das Alleinsein zu einer bunten Geschenkebox.

Ablenkung von uns selbst

Zunächst einmal birgt das Alleinsein die Chance sich mit sich selbst zu verbinden, die eigenen Bedürfnisse zu verstehen und sich selbst kennen zu lernen. Es ist wichtig zu verstehen, dass uns die Ablenkung von außen auch von uns selbst ablenkt. Von unseren Schätzen als auch von unseren tief verborgenen Schatten. Der Tempel ist längst in uns und die Sicherheit, die wir im Außen suchen, ist längst in uns. Um das zu begreifen müssen wir im Alleinsein auch unseren dunkelsten Orten  begegnen. Allein zu sein ist deshalb Heilung für die Seele und hat nichts mit Extrovertiertheit oder Introvertiertheit zu tun. Die Welt ist  unter anderem deshalb so chaotisch, weil wir im Außen Dinge suchen die uns satt machen sollen. Dabei verlieren wir uns selbst und wundern uns dann warum alles noch chaotischer wird. Alleinsein bringt uns manchmal an dunkle Orte, an Orte, wo wir nicht sein wollen.  Aber genau diese Orte gilt es zu entdecken.
Viele Menschen haben bereits drüber geschrieben wie wichtig es ist sich selbst zu lieben und sich mit sich selbst zu verbinden. Auch Osho sagt, dass wir im Außen nach Bestätigung suchen, weil wir es nicht anders gelernt haben, wir wurden als Kinder gelobt wenn wir etwas “richtig” gemacht haben. Dieser Durst nach Bestätigung im Außen setzt sich im Erwachsenenalter fort und macht uns auf Dauer unglücklich – solange wir nicht an unserem Bewusstsein arbeiten.

Alleinsein als Basis für Beziehungen

Am Beispiel von zwischenmenschlichen Beziehungen kann man das gut erkennen: Wir suchen die Schuld im Außen, und projizieren unsere eigenen Unzugänglichkeiten auf den anderen. Wie sind beruhigt wenn wir in ihm_ihr etwas finden warum es zwischen uns nicht funktioniert. Im Alleinsein aber können wir nachspüren, können wir verzeihen, Verantwortung für uns übernehmen und unsere eigenen Projektionen erkennen.

Der Kapitalismus macht es uns leicht, Input im Außen zu suchen. Die Jagd nach Materialismus verschüttet die Bereitschaft wieder mehr aufeinander zu achten, füreinander da zu sein, stattdessen rennen wir dem nächst besten Job, dem neuen iPhone oder einem Menschen hinterher. Wir vergessen dabei, dass zwischenmenschliche Beziehungen aller Art nur funktionieren können, wenn wir allein sein können, und den Mut aufbringen, in unsere Seele zu schauen. Aus dieser Verbindung heraus können wir andere viel besser verstehen. Mit uns selbst im inneren Frieden zu sein bedeutet glücklicher zu sein. Zur Ruhe zu kommen von der ständigen Jagd nach vermeidlichem Glück. So sagte schon Kurt Tepperwein: Der Begriff All-ein-sein bedeutet Einssein mit dem großen Ganzen, sobald wir es schaffen dieses All-ein-sein auszuhalten.
Dabei sind Alleinsein und Einsamkeit zwei verschiedene Dinge. Alleinsein ist oft selbst gewählt, einsam sind wir, wenn wir das Geschenk des Alleinseins noch nicht entdeckt haben.
Jede_r kommt im Leben an einen Punkt des Alleinseins, des sich-einsam-fühlens, sei es weil man älter wird, die besten Freunde keine Zeit mehr haben, der Partner sich getrennt hat etc. Doch es ist wichtig darauf zu vertrauen, dass alles was wir im Moment nicht ändern können genau so richtig ist. Diese Momente kommen zur richtigen Zeit und gehen zur richtigen Zeit, sie sind für uns da, um uns beim Wachsen zu helfen. Sie sind eine Chance, tiefer zu blicken und damit uns selbst und andere besser zu verstehen, Erkenntnisse zu gewinnen oder einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen.

Durch den Tunnel gehen

In Zeiten in denen man Einsamkeit kaum aushält, ist es besonders wichtig, mit sich in der Stille zu sein, und einfach zu spüren: Wie fühlt sich das an? Wo in meinem Körper ist die Einsamkeit, das Alleinsein lokalisiert? Ohne Bewertung, nur spüren.
Dann merkt man vielleicht: es ist da und es ist okay. Es gilt hierbei diese Schwelle zu Überwinden, durch diesen dunklen Tunnel, der sich auftun mag, hindurchzugehen. Dann wird es allmählich besser. Diesen Mut haben wir alle in uns. Und es öffnen sich Türen: Manchmal kommen Weisheiten empor, zu denen wir nie einen Zugang gehabt hätten, wären wir nicht allein mit uns gewesen, plötzlich kommen Jobangebote, alte Freunde melden sich wieder. Kurzum, es passieren plötzlich Dinge die wir nicht erwartet hätten. Einsamkeit ist zudem eine große Chance sich selbst lieben zu lernen und zu verzeihen. Eckhart Tolle schrieb in einer Kolumne, dass die Sehnsucht nach einer Liebesbeziehung eigentlich nur die Sehnsucht nach uns selbst ist. Alleinsein kann diese Sehnsucht zu uns selbst stillen, eine Sehnsucht der wir oft hinterherhetzten ohne zu wissen wohin wir hetzen.

Heimkommen der Seele

Es mag wichtig sein, nicht darauf zu vertrauen dass von außen ein Erlöser kommt und uns aus der Einsamkeit erlöst, sondern sich selbst zu vertrauen. Wir selbst sind unsere eigenen Erlöser_innen. Einsamkeit und Alleinsein sind lediglich Hilfsmittel für unsere Seele uns in Mut, Selbstliebe und Vertrauen zu üben. Dieses tiefe Vertrauen, dass aller Friede und alle Ruhe und alles was wir im Außen suchen in uns selbst liegt. So lange wir bei uns selbst wieder ankommen dürfen, kann uns im Außen nichts erschüttern. Es kann alles um einen Menschen herum kaputt gehen – aber man ist in sich und seiner Seele zuhause. Einsamkeit und Alleinsein heißt also heimkommen zu sich selbst. Das bedeutet nicht, das jeder Mensch als ein Asket auf einem Berg leben sollte. Jedoch dürfen die Einsamkeitsgefühle, die manchmal auftreten mögen, einfach angenommen statt als Feind betrachtet werden. Die Seele dürstet danach das Alleinsein zu zelebrieren. Doch das Ego beginnt schnell damit, das Alleinsein wieder zu stopfen mit Events, Menschen, Einkauf, Internet… Vielleicht hilft hier ein Eintrag im Terminplaner: einmal die Woche einen Tag lang allein sein mit sich oder aller zwei Wochen ein oder mehrere Tage allein zu sein, um sich zu klären und zu reinigen und das Dunkle, das vielleicht hochkommt, zu erspüren.

Maximale Freiheit

Indem man durch das Alleinsein hindurchgeht wird man innerlich stärker und sich selbst ein guter Freund, eine gute Freundin und ein guter Kumpane. Das ist wichtig, um sich in Selbstliebe zu üben. So werden wir unabhängiger vom Außen. Ständige Abhängigkeit von äußeren Reizen macht auf Dauer unzufrieden, da man dabei ständig auf der Suche nach Bestätigung ist. Im Alleinsein kann die Seele davon ruhen und wieder atmen.
Dieser innere Frieden ist ein Maximum an Freiheit die man erlangen kann, wenn man mehr und mehr mit sich zusammenwächst und wieder zu sich findet.
Es mag sein, dass dieser innere Frieden immer wieder im Leben aufgefrischt werden will, und es darf jederzeit sein dass man dem Alleinsein überdrüssig wird. Aber das Annehmen wird mit der Zeit immer leichter, man kommt immer schneller wieder zu sich und in seine Mitte. Doch wer das nie versucht und immer Alleinsein und Einsamkeit mit dem Außen zu stopfen versucht, bleibt innerlich fragil, wacklig und abhängig und ist stets auf der Suche nach Glück. Es braucht dann nur einen Windhauch, um zurück in die Unzufriedenheit zu rutschen. Deswegen plädiere ich auf das Alleinsein als Tor zu unserer Seele und unserem Seelenfrieden. Ein weiches Bett, das uns durch das Leben und den Alltag trägt. Eine klare Stärke, die sich entwickelt, uns unabhängig macht und unserer Seele hilft sich zu entfalten.

 

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